Mit Schmerzen auf Arbeit 12


Du willst die Zeit zurückdrehen. Weinen. Ohne Pause! Dir die Bettdecke über den Kopf ziehen, schlafen, aufwachen und hoffen, dass alles nur ein böser Traum war. Arbeit in Zeiten der Trauer. Schwierig. Und eine kleine Hilfe.

Sie ist weg.

Ihr glaubt gar nicht, wie ich meine Hündin liebe. Oder geliebt habe? Sie starb kürzlich in meinen Armen. Der verfickte Krebs zerstörte erst ihren Körper, zuletzt ihre Lebensfreude. Und jetzt auch meine. Sie war meine ständige Begleiterin, meine beste Kumpeline, mein Seelenhund. Der Gedanke, nie wieder mit Siska Abenteuer zu erleben, ist noch immer ein unerträglicher. Sie war die Farbe in meinem grauen Alltag. Immer holte sie mich aus den stressigsten Situationen heraus. Nur mit ihren Blicken. Diese schönen Augen! Und sie zwang mich, jeden Tag mit ihr an die frische Luft zu gehen. Bei Sonne, Regen, Schnee. Als Selbständiger im Homeoffice fühlte ich mich mit meiner „Dicken“ sehr viel weniger allein und bekam stets genügend Bewegung als Geschenk. Eine Wohltat für Körper und Geist. Aber jetzt? Alles vorbei. Ich bin so unendlich traurig. Ein letztes Mal möchte ich sie streicheln, mit ihr zum Gassi gehen, das Quietschi-Spielzeug ins Wasser werfen, das sie natürlich immer herausholen wollte. Stattdessen bleiben mir nur Erinnerungen in diesen furchtbaren Zeiten. Ach, und die Arbeit.

Komm doch zurück! Bitte!

Komm doch zurück! Bitte!

Als Angestellter hätte ich mich nach dem Tod meiner Siska sicherlich krankschreiben lassen. Ich bin allerdings selbständig und meine Todoliste für die kommenden Tage und Wochen randvoll. Jobs einfach verschieben? Das geht nicht in jedem Fall. Und vielleicht ist es auch besser, dass ich mich zum Tippen, zum Tüfteln, zum Recherchieren zwinge. Denn für ein paar Stunden fühlt es sich so an, als wäre alles in Ordnung. Ich arbeite, Siska schläft und wartet darauf, dass ich mit ihr spiele. Sicherlich werde ich schnell wieder von der Realität eingeholt. Da ist keine Hundedame mehr, die mich mit ihren großen, dunklen Augen beobachtet. Nirgends ein lebensbejahendes Fellmonster, das gerne ein Leckerli hätte oder einfach in ihrem Bettchen chillt. Zum Heulen. Wieder und wieder.

Arbeit zum Verarbeiten

Die Arbeit hilft dabei, meinem Gehirn eine Pause zu gönnen. Eine Pause von all dem Kummer und den Erinnerungen an die schlimmen Wochen vor ihrem Tod. Davon abgesehen muss ich auch funktionieren. Ich werde schließlich von meinen Kunden für meine Leistungen bezahlt, nicht für mein Gejammere. Das Private ausblenden – ist es nicht auch das, was Professionalität ausmacht? Vermutlich. Trotzdem bin auch ich nur ein Mensch mit Emotionen, Stärken, Schwächen.

Ich habe keine Ahnung, was ich künftig mit meiner „gewonnenen Zeit“ anstellen werde. Mit Siska verbrachte ich an die drei Stunden pro (Werk-)Tag. Dieses Loch mit noch mehr Arbeit zu füllen, kann und wird keine Lösung sein, obwohl es derzeit echt verdammt gut tut, die Gedanken nicht nur um ihr Ende und meinen Verlust kreisen zu lassen.

Ist so. Wirklich.

Ist so. Wirklich.

Derzeit weiß ich auch noch nicht, ob ich Menschen in ähnlichen Situationen praktische Tipps auf den Weg geben kann. Dafür ist es wahrscheinlich zu früh. Ich hätte nur einen Vorschlag: Plant euren Tag neu und gebt euch den Raum für andere Themen abseits der Trauer. Das ist nötig, um euer Gehirn zu entspannen und die Ereignisse unterbewusst langsam zu verarbeiten. Redet mit eurem Partner, der Familie, engen Freunden – auch über andere Dinge und Alltäglichkeiten. Deswegen kommt das geliebte Wesen nicht wieder, schon klar. Aber das unterstützt euch dabei, wieder zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Zwar sind die „Wunden“ noch sehr frisch, aber ich habe das Gefühl, als würde mir die Ablenkung durch die Arbeit gerade helfen. Mal schauen, ob ich richtig liege.

Danke für eure Aufmerksamkeit. Einen Monatsrückblick spare ich mir diesmal. Ich hab im Juli 2016 viel geschrieben (und geweint). Mehr fällt mir gerade nicht ein.

Siska, ich vermisse dich so sehr. 🙁

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12 Gedanken zu “Mit Schmerzen auf Arbeit

  • Jasmin

    Ich fühle mit dir. Auch ich habe erst vor kurzem ein geliebtes Wesen verloren und bin dabei, meinen Alltag neu zu organisieren. Arbeit hilft wirklich, auch wenn man im Alltag ständig auf Situationen stößt, die einen unmittelbar mit der Wirklichkeit konfrontieren und einen überraschend hart treffen (an dem Bäcker vorbeifahren, in dem man immer Kaffee getrunken hat, während man auf das Tier beim Tierarzt gewartet hat, vorm Futterregal im Supermarkt stehen, unvermittelt ein Spielzeug unter einem Möbelstück finden…).
    Momentan befinde ich mich auf dem Weg der Besserung, aber auch das macht mivh traurig, weil mir bewusst wird, wie sehr ich unter der Krankheit gelitten habe und wie schlecht es mir ging, also habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir langsam besser geht. Auch hätte ich gerne eine neue Gefährtin, aber auch das macht mir ein schlechtes Gewissen, weil es so austauschbar scheint, so beliebig und egoistisch von mir und weil ich viel zu hohe Erwartungen habe. Es ist wohl noch zu früh, obwohl die Sehnsucht groß ist. Ich wünsche dir viel Kraft und ja, die Zeit heilt alle Wunden, so blöd es klingt. Leider bleiben auch nach langer Zeit die schlechten Zeiten präsenter, als die guten, das weiß ich aus früherer Erfahrung, aber man lernt damit zu leben.

    • SvenWernicke Autor des Beitrags

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Das tut mir sehr leid, dass du das auch erleben musstest. War es eine Katze? Auch ein Hund? Letztlich ist das auch total zweitrangig, weil Hund wie Katze so schnell zu wunderbaren Freunden und Familienmitgliedern werden. Nur das schlechte Gewissen ist auf jeden Fall so ein „Problem“, mit dem sich viele Menschen plagen. Vermutlich haben wir auch eine falsche Perspektive auf die Dinge. Ich meine: Ist es nicht unsere Aufgabe, ihnen ein schönes Leben zu bescheren? Bis zum Ende? Ist da ein schlechtes Gewissen angebracht, wenn man einem anderen Tier helfen möchte? Ich weiß es selbst nicht so genau, aber ich denke, so ist es eventuell?

    • Jasmin

      Es war eine Katze. Die beste, die man finden konnte. Aufmerksam, offen, anhänglich. Sie hat das Loch in meinem Herzen geschlossen, das meine vorherige Katze hinterlassen hatte. Leider hatten wir eine sehr kurze Zeit zusammen, da sie eine angeborene Krankheit hatte, die mit ihrem ersten Geburtstag ausgebrochen ist. Sie ist keine zwei Jahre geworden und die letzte Zeit war sehr hart. Es tut mir so leid, dass ihr Leben so kurz und voller Leid war, obwohl sie kein besseres Leben als bei mir hätte haben können.
      Ich weiß nicht, wie alt dein Hund werden durfte, aber der Tod nach einem langen, erfüllten Leben, trotz Krebs, ist leichter zu verarbeiten. Trost schafft, sich klar zu machen, wie viel schlimmer es hätte sein können und sich an die guten Zeiten zu erinnern, auch wenn man immer zuerst die letzte Zeit im Geist haben wird. Wer hat sich das nur ausgedacht? Grausam.

    • SvenWernicke Autor des Beitrags

      Siska ist nicht einmal 9 Jahre alt geworden, obwohl ich irgendwie fest mit 14 oder so gerechnet hatte. 🙁
      Deine Geschichte ist sehr traurig. Ich bin mir sicher, dass deine Katze ein glückliches Leben hatte – auch in der kurzen Zeit und unter den Umständen. ICh hoffe auch sehr, dass du bald wieder auf ein Kätzchen triffst, dem du helfen magst und das deine Hilfe dankbar annimmt.
      Ja, ich finde das auch total furchtbar, dass man sich immer an die schlimmen Zeiten erinnern muss. Das ist doch eine total dumme Idee. Was allerdings hilft: Fotos und Videos von den guten Momenten angucken. Hast du welche?

    • Jasmin

      Offenbar ist meine Antwort von gestern irgendwo in den Tiefen des Netz verlorengegangen. Ja, ich habe Bildeder, auch auf Instagram und Facebook, was es anfangs schwer machte, diese zu nutzen, da man ständig darüber stolperte. Mittlerweile sehe ich mir gerne Bilder an, auch, weil es eben die guten Zeiten in Erinnerung behält, während sich beim bloßen Nachdenkne immer die schlimmen Zeten in den Vodergrund drängen. Videos habe ich auch, aber nur von den schlechten Momenten, gedreht für den Tierarzt, wegwerfen kann ich sie nicht, aber ich muss sie dringend besser verstecken, damit ich nicht ständig darauf stoße, diese sind zu schmerzvoll.
      Auch ich habe beim Lesen deiner Zeilen weinen müssen, aber das ist OK, da ich eh jeden Tag weine, wenn auch kontrollierter und weil es eben noch sein muss. Ich finde es sehr mutig, so in die Öffentlichkeit zu gehen, ich selber habe still vor mich hingelitten und es war mir teilweise sogar peinlich, vor anderen zugeben zu müssen, dass es mir „wegen einem Tier“ gerade so schlecht geht. Das sollte es nicht, aber mein Umfeld hat leider wenig verständnisvoll reagiert, wahrscheinlich, weil sie einfach nicht wussten, wie sie mit all meinen Gefühlen umgehen sollten. Ich nehme es ihnen nicht übel, aber dein Weg ist wahrscheinlich der bessere. Vie Kraft und bald wieder einen treuen Gefährten, dem du erwartungsfei und offen begegnen und dem du ein schönes Leben bereiten kannst, wünsche ich dir, und mir.

  • Robert

    Hallo Sven,

    ich hoffe du findest aktuell etwas Ablenkung in deiner Arbeit und deinen Projekten auf die viele neugierig einen Blick über Twitter usw. werfen. Solch ein Verlust schmerzt und wahrscheinlich wird man wohl auch nie ganz darüber hinweg kommen. Versuch dich an die schönen Momente mit ihr zu erinnern.

    Viele Grüße aus Köln
    Robert

    • SvenWernicke Autor des Beitrags

      Danke! Ich probiere es auf jeden Fall. Muss ja weitergehen. Irgendwie.

  • Claudia

    Lieber Sven.
    auch auf diesem Wege möchte ich dir mein Beileid aussprechen. Ich weiß wie es sich anfühlt, da ich sowohl Tierfreunde, als auch geliebte Menschen verloren habe. Trauerarbeit ist wirklich Arbeit. Es dauert manchmal sehr lange. Und es ist hart. Und manchmal verzweifelt man. Aber es kommen dann irgendwann die Momente, in denen man sich der schönen und nicht mehr der schlechten Zeiten erinnert. Nach dem Tod unseres Hundes haben sich meine Eltern entschlossen, nie wieder einen Hund in ihr Leben zu lassen. Nach 8 Jahren fühle ich immer noch Schmerz wegen ihm. Es ist vielleicht – so blöd wie es klingt – sogar irgendwann in der Zukunft ganz gut, einem neuen Lebewesen die Chance zu geben. Siska würdest du dabei nie vergessen. Es würde aber deinen Schmerz lindern. Das schlechte Gewissen ist immer ein Trauerbegleiter, egal wie perfekt alles war. Es holt niemanden zurück und macht einen nur selbst fertig. Ich denke immer, dass von uns Gegangene lieber wollen, dass wir glücklich sind und mit Freude zurückblicken. Auch das zu verstehen und zu akzeptieren ist ein langer Prozess.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft in dieser Phase deines Lebens. Die schönen Bilder von Siska werde ich vermissen. Sie haben einem immer den Tag versüßt.

    • SvenWernicke Autor des Beitrags

      Vielen lieben Dank für deinen schönen Kommentar. Dass du offenbar auch schon genügend trauern musstest, tut mir wirklich leid. 🙁 Und ja – ich denke auch, dass der Gegangene nie wollte, dass man leidet. Nur der Tod ist meist nicht zu verhindern. Zurück bleiben die Angehörigen, die sich Vorwürfe machen und leiden. Ein Dilemma, das nicht zu verhindern ist.
      Es ist halt alles schwierig derzeit. Ein neuer Hund? Hm…für mich aktuell noch viel zu früh. Ausschließen will ich es allerdings nicht. Vielleicht entscheidet am Schluss wieder das Schicksal. So wie bei Siska…

  • Matthias

    OMG…. gerade erst via Facebook gelesen, was Euch widerfahren ist. Es tut mir furchtbar leid um Eure Siska. Ich glaub, ich kann den Schmerz nach den eigenen Verlusten im letzten dreviertel Jahr gut nachvollziehen – was mich auf Dich und Deine Frau bezogen nur noch trauriger stimmt.

    Irgendwelche Tipps zur Trauerbewältigung habe ich leider nicht parat – auch, da dies eh ein höchst individueller Prozess ist, denn jeder selbst durchleben muss. Und makabererweise irgendwie auch durchleben darf – denn mir wurde das Glück der vergangenen Jahre mit den bzw. über die verloren gegangenen Menschen und Tieren gleich mehrmals erst hinterher so richtig bewusst. Die Trauer hat den Wert dieser Momente nochmals gesteigert… und ließ zumindest bei mir den Wunsch und die Hoffnung aufkommen, vergleichbare Momente auch in naher oder ferner Zukunft in ähnlicher Form wieder erleben zu dürfen.

    Aber ich kann zumindest bestätigen, dass auch ich durchaus froh war, in der unmittelbaren Zeit nach den Verlusten eine Aufgabe gehabt zu haben. Trotzdem ist es schwer, die Leere dauerhaft auszuhalten – sie holt einen doch immer wieder ein. Daher: Dir viel Kraft für die nächsten Tage, Wochen etc. Es wird tatsächlich nach und nach ein wenig leichter….

    LG,

    Matthias